Lernen

Zwei Jugendliche befinden sich vor einem modernen, interaktiven Whiteboard. Eine Jugendliche ergänzt eine auf der Whiteboard-Präsentation dargestellte Information durch eine schriftliche Notiz.

„Wir lernen immer!“ Diese aus der Pädagogik und auch der Neurologie bekannte Aussage von Manfred Spitzer (deutscher Neurowissenschaftler) ist weithin bekannt. Gleichzeitig treten im Alltag von Gruppenleitenden häufig Situationen auf, in denen diese Aussage aus nachvollziehbaren Gründen angezweifelt wird. Im Vorgriff auf dieses Kapitel sei hierauf geantwortet, dass die Aussage definitiv zutrifft, aber oft genug nicht das gelernt wird, was eigentlich das Ziel ist.

Um diesen Zustand zu verbessern, wird nachfolgend versucht, so kompakt wie möglich und so ausführlich wie nötig auf das Phänomen des Lernens einzugehen. Im Optimalfall kann der Prozess des Lernens dann (nachdem hoffentlich der Selbstlerneffekt eingetreten ist) möglichst zielführend gestaltet und begleitet werden.

Da sich unsere Überlegungen möglichst nah an der Praxis orientieren sollen, sei an dieser Stelle lediglich darauf hingewiesen, dass wir hier einem konstruktivistischen Ansatz folgen. Dies bedeutet, dass Lernen zwar von außen angeregt werden kann, das Individuum dies aber immer selbst vollbringt, und zwar auf Basis von Erfahrungen beziehungsweise Erlebnissen. Die Kinder und Jugendlichen werden als aktiv und selbstbestimmt Lernende betrachtet. Sie stehen somit im Mittelpunkt der Didaktik, bei der das Lernen erfahrungs- und handlungsorientiert geschieht.

Was genau ist denn eigentlich Lernen? Wie funktioniert das? Was können lehrende und lernende Personen dafür tun? Und braucht es für das Lernen eigentlich ein Lehren?

Einordnung des Lernens – Warum lernen wir?

Lernen bedeutet, Wissen anwenden zu können. Lernen ist nicht das perfekte Abspeichern von Informationen. Lernen darf man nicht mit Üben oder Trainieren verwechseln.“1 Leider gibt es dazu auch eine Einschränkung: „Jeder Mensch, der etwas versteht, muss vorher gut gelernt haben. Aber nicht jeder, der gut lernt, kann später auch gut verstehen.“2

Hilft uns das weiter? Oder ist vielleicht das hier besser: „Lernen ist eine universell verbreitete Fähigkeit zur mittel- und langfristigen Anpassung eines Organismus an seine Umwelt.“3, oder anders gesagt: „Lernen hilft uns, besser mit der Wirklichkeit zurechtzukommen.“4

Man könnte dieses Kapitel noch mit vielen schlauen Zitaten füllen, aber das wäre nicht hilfreich. Denn es ist sicher deutlich geworden, dass es viele Definitionen und Herangehensweisen für „das Lernen“ gibt, die für unseren Alltag in den Kindergruppen und Jugendfeuerwehren mal mehr, mal weniger hilfreich sind. Vielleicht fasst es für unsere Zwecke dies hier am besten zusammen: „Es geht nicht darum, dass man lernt, schlau zu sein, sondern dass man ein besserer Mensch wird.“5

Lernen als neurobiologischer Vorgang

Kommen wir also zurück zum Anfang: Es ist tatsächlich so, dass unser Gehirn dauernd lernt. Mit jedem Sinneseindruck verändern sich die Schaltstellen (Synapsen) in unserem Gehirn, manchmal nur kurzfristig und manchmal von Dauer. Hierzu stehen durchschnittlich 86 Milliarden Nervenzellen zur Verfügung, die durch 100 Billionen Synapsen miteinander in Verbindung stehen. Entgegen der früheren Vorstellung, dass sich Erwachsenengehirne nicht mehr verändern, ist heute erwiesen, dass insbesondere die Synapsen äußerst veränderungsfähig sind – diese Eigenschaft des Gehirns wird als synaptische Plastizität bezeichnet.6

Eine solche Veränderung der Synapsen wird in der Neurologie als Lernen bezeichnet. Die Wortbedeutung von Lernen (aus dem Indogermanischen) lautet „Spuren legen“.7 Und genau dies passiert, wenn sich Synapsen dauerhaft verändern – es werden Gedächtnisspuren angelegt.8 Je tiefer und dauerhafter diese Spuren angelegt werden (siehe unten), desto nachhaltiger ist der Lernerfolg. Bei Kindern passiert dieser Lernprozess deutlich schneller, weil hauptsächlich viele neue Spuren angelegt werden. Bei Erwachsenen sind schon viele Spuren vorhanden, die dann eher angepasst werden, die Synapsen verändern sich weniger schnell, sodass hier das Lernen insgesamt deutlich langsamer vonstattengeht.9

Bewusstes und unbewusstes Lernen

Wir lernen, ob wir wollen oder nicht. Dies führt dazu, dass wir Dinge lernen, die wir uns wünschen (z. B. wie ich mich sinnvoll gegenüber einem Menschen in Not verhalte), aber auch Dinge, die wir uns nicht wünschen (z. B. in einer bestimmten Situation Angst zu haben).

Daraus lässt sich ableiten, dass ein Teil des Lernens unbewusst entsteht. Für mich selbst als Gruppenleiterin oder Gruppenleiter kann dies bedeuten, dass ich etwas lerne (also mein Gehirn sich verändert), ohne dass ich dies bewusst registriere. Für unsere Kinder und Jugendlichen kann dies bedeuten, dass ich eine Situation schaffe, in der sie etwas lernen, ohne dass sie es selbst merken.

Bewusstes Lernen ist vergleichsweise leichter zu erzeugen, allerdings kann das „Lernen müssen“ Blockaden hervorrufen, die durch Druck erzeugt werden (vergleiche auch Abschnitt „Emotionen“ dazu).

Zweck des Lernens

Im weiteren Sinne und somit auch häufig in der Umgangssprache bedeutet also Lernen eine Veränderung im Gehirn. Im engeren Sinne wird Lernen als etwas bezeichnet, das wir für einen bestimmten Zweck tun. Wenn ich mir Wissen aneigne, um einen Feuerwehrlehrgang zu bestehen, dient es ebenso einem Zweck, wie wenn unsere Jugendlichen das verdrehungsfreie Ausrollen von C-Schläuchen erlernen, um die Leistungsspange zu erringen.

Somit treffen wir also häufig in den Kindergruppen, bei der Jugendfeuerwehr und Schulung von Jugendgruppenleitenden auf Lernen zu einem bestimmten Zweck. Um diesen Zweck gezielt zu erreichen, muss ich verstanden haben, nach welchen Prinzipien und welchem Antrieb Lernen funktioniert.

Antriebe zum Lernen

Als übergeordnetes Prinzip hat sich herausgestellt, dass Lernen nur in Verbindung mit Emotionen passieren kann.10 Hierbei gibt es sehr viele verschiedene, teils komplizierte Vorgänge. Wer sich aber daran erinnert, wie schwer Vokabeln lernen in einer ungeliebten Sprache fällt und dies mit dem Erlernen des Textes eines Lieblingslieds vergleicht, erkennt sofort, welche Auswirkungen Emotionen auf den Lernerfolg haben. Hieraus lässt sich direkt ableiten, dass es absolut lernförderlich ist, wenn sich Kinder und Jugendliche (Erwachsene selbstverständlich auch) auf die Feuerwehr freuen und wenn sie dann dort sind, die Feuerwehr einen Ort zum Wohlfühlen darstellt. Diese Freude sollten wir als Betreuende immer im Blick haben und einsetzen, denn schließlich kommen die Kinder und Jugendlichen (im Gegensatz zur Schule) freiwillig zu uns. Doch dies müssen wir uns immer wieder erarbeiten und eine positive (Lern-)Atmosphäre schaffen, um aus Spaß und positiven Gefühlen Nutzen zu ziehen und Lernerfolge leichter zu erzielen.

Druck und Zwang sind ebenso Gegenspieler des Lernens11 wie Angst, die möglichst niemals in Verbindung zum Lernen stehen sollte.12

Jüngere Kinder haben pro Tag 30 bis 50 „Wow-Erlebnisse“, bei denen sie sich für ihre Entdeckungen und ihre Erkenntnisse begeistern können.13 Dies zu unterstützen und aufrechtzuerhalten, muss unser Ziel sein – dann können Kinder immer wieder über sich hinauswachsen.

Eng assoziiert mit den Emotionen und ein weiterer wichtiger Aspekt, der Lernen bedingt, ist die Motivation. Diese wird hinlänglich in zwei verschiedene Arten unterteilt. Die intrinsische Motivation liegt dann vor, wenn eine Tätigkeit selbstbelohnend ist, also wenn etwas Freude bzw. Spaß bereitet. Dies bedeutet, dass die Einsicht vorhanden ist, dass es nötig ist und ich es selbst erreichen will. Extrinsische Motive können materiell-finanzielle Antriebe sein, aber auch immaterielle wie der Drang nach Erfolg, nach Anerkennung von anderen – also etwas, bei dem das Erreichen des Ziels nicht Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Zweck. Lernen kann durch beide Arten der Motivation unterstützt werden, wobei nach Möglichkeit die intrinsische immer vorzuziehen ist, da diese einen nachhaltigeren und tieferen Einfluss auf den Lernerfolg hat.14 Aus Beispielen ist bekannt, dass extrinsisches Lernen, um z. B. bei einem Wettbewerb zu gewinnen, funktioniert. Wenn eine Person aber aus innerem Antrieb wissen und verstehen möchte, wie z. B. eine Grundübung funktioniert, wird das Erlernte länger Bestand haben und weniger leicht wieder vergessen. Besteht die Motivation, das große Ganze zu verstehen und auch zu verinnerlichen, wird Lernen automatisch nachhaltiger und reicht nicht nur bis zur entsprechenden Prüfung oder Abfrage.

Das Denken bzw. Lernen entwickelt sich als Antwort auf Herausforderungen („Ich kann etwas noch nicht, möchte es aber können“) und Ungleichgewichten („Das verstehe ich nicht“ oder „Das kommt mir merkwürdig vor“) – beides erzeugt einen kognitiven Konflikt und führt so zu intrinsischer Motivation.15

Verbunden mit der Motivation ist der Begriff der Relevanz, denn je relevanter etwas für den Menschen ist, desto einfacher ist es zu erlernen. Inhalte, die den Menschen interessieren, werden umgangssprachlich aufgesaugt, das Gehirn fokussiert sich auf diesen Vorgang und das Lernen wird als „fast wie von selbst“ empfunden. Somit sind alle Inhalte, die als relevant empfunden werden (oder deren Relevanz man plausibel machen kann), geradezu ein Geschenk. Informationen hingegen, die als nutzlos für die eigene Lebenswirklichkeit empfunden werden, können nur mit erheblichen Schwierigkeiten im Gedächtnis verankert werden, was eines der Kernprobleme schulischen Lernens darstellt, wenn keine Relevanz erzeugt werden kann.16

Die Kunst für Betreuende besteht nun darin, diese Relevanz herzustellen bzw. sichtbar zu machen. Hierzu sollte man sich möglichst in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen hineinversetzen und dort nach Themenfeldern suchen. Bei Kindern kann dies z. B. die Beobachtung des Anzündens von Kerzen sein, aus dem der Wunsch entsteht, dies selbst auch sicher durchführen zu können. Bei Jugendlichen steht oft schon der Wunsch im Vordergrund, anderen Menschen (z. B. auch der eigenen Familie) in Notsituationen helfen zu können, sodass dies eine klassische „Triebfeder“ sein kann, bestimmte Handgriffe und Techniken erlernen zu wollen.

Ebenso im Bereich der Emotionen ist der Begriff Neugier anzusiedeln. Neugierde wird auch als der grundsätzliche Antrieb des Lernens überhaupt bezeichnet, denn diese wohnt grundsätzlich in uns und motiviert dabei (intrinsisch) zu lernen. Oft wird ja etwas sarkastisch behauptet, dass Kinder neugierig und lernbereit in die Schule kommen, wo ihnen diese Eigenschaften abgewöhnt werden. Natürlich ist die Sachlage komplizierter, aber überall dort, wo die Neugierde außer Acht gelassen wird, muss man sich dieser Kritik stellen. Denn die Neugierde ist eines unserer größten Pfunde überhaupt, mit dem wir wuchern können – sie bildet eine wichtige Brücke von „fremd und unbekannt“ zur „Motivation“.17

Um dies praktisch einzusetzen, stehen verschiedene Phänomene bereit, die neugierig machen können. Im Bereich der Feuerwehr sowie der allgemeinen Jugendarbeit sind diese Phänomene nahezu endlos, wenn es gelingt, einen Blick dafür zu entwickeln. Das Phänomen „Feuer“ selbst macht fast schon automatisch neugierig, sodass dies als Ausgangspunkt für zahlreiche Fragen um Entstehung, Auswirkung, Bekämpfung von Feuer benutzt werden kann. Besonders wichtig ist hier eine gewisse Offenheit, den Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, die Fragen (und wenn möglich auch deren Beantwortung) selbst zu entwickeln, damit die Neugierde auch entsprechend gestillt wird.

„Du musst erst deine Aufgaben machen, dann darfst du spielen.“ Dies mag für das „freie Spiel“ gelten, vernachlässigt aber massiv, dass spielerisch hervorragend gelernt werden kann. In der Natur findet Lernen in der Regel spielerisch in Phasen der Entspannung statt. Dies umfasst Erfahrungen sammeln, Versuch und Irrtum, Nachspielen / Nachvollziehen / Nachempfinden. Im Spiel dürfen Fehler ohne Folgen gemacht werden (d. h., der Faktor Angst spielt keine Rolle), außerdem darf viel Humor dabei sein18.

Wirksamkeit und Lernen

2012 hat der Bildungsforscher John Hattie mit einer sehr umfangreich angelegten Meta-Studie namens „Visible Learning“ Aufsehen erregt.19 Hierbei hat er untersucht, welche von zahlreichen Faktoren im Unterricht die größte Wirksamkeit auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern haben. Diese Erkenntnisse lassen sich unmittelbar auch auf die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Feuerwehr übertragen.

Für in der Bildung Erfahrene nicht wirklich überraschend wurde in dieser großen Studie ausgemacht, dass der Mensch der wichtigste Faktor ist.20 Konkret bedeutet dies, dass die Persönlichkeit der Betreuenden (in dieser Untersuchung die Lehrkräfte) den größten Einfluss auf den Lernerfolg hat. Dies beginnt damit, dass Betreuende in sich Begeisterung für (in unserm Fall) die Feuerwehr und die zu vermittelnden Inhalte empfinden sollten. Ebenso ist die Freude, jungen Menschen etwas beizubringen und generell, mit ihnen zusammen zu sein, maßgeblich. Wenn Lehrende es schaffen, dies zusammenzubringen und auszustrahlen, sind sie in der Lage zu motivieren, zu vermitteln und einen Rahmen für das Lernen zu schaffen. Die Gehirnforscherin Margret Arnold formuliert einfach und prägnant: „Begeistern kann man jemanden erst dann, wenn man selbst begeistert ist.“21

Die Persönlichkeit eines Lehrenden bestimmt seine Grundhaltung gegenüber der Tätigkeit und den Lernenden. Die Beschreibung einer optimalen Betreuendenpersönlichkeit sollte lauten: fachlich kompetent, vertrauenswürdig, feinfühlig, richtungsvorgebend, angstnehmend, stressnehmend, gerecht, zuverlässig, die Persönlichkeit der Lernenden erfassend.22 Oder etwas kürzer und prägnanter formuliert: „Die innere Haltung sollte sein, Freude daran zu haben, Kinder einzuladen, zu ermutigen, zu inspirieren!“23

Zusammenfassend ergibt sich daraus, dass die Wirksamkeit des pädagogischen Handelns einer Betreuungsperson entscheidend für den Lernerfolg der Kinder und Jugendlichen ist – ebenso wie die oben genannten Antriebe zum Lernen, Emotionen, Motivation, Relevanz, Neugierde, Spielen.24

Das didaktische Dreieck

Abbildung: Das didaktische Dreieck setzt sich aus Lehrinhalten, Lehrenden und Lernenden zusammen.

Das didaktische Dreieck ist ein Modell, das Lehrende dabei unterstützen soll, sich die verschiedenen Beziehungen beim Lernen zu verdeutlichen. Hierzu werden die Lernenden, die Lehrenden und der Lehrstoff als Grundpfeiler definiert. Diese stehen gleichberechtigt im Dreieck, wobei in der Regel die Lernenden nach oben gesetzt werden, um deren Bedeutung und Fokus zu unterstreichen. Lernen gelingt in den Interaktionen der Beziehungen zueinander.

Zudem lassen sich hieraus zahlreiche weitere Beziehungen der einzelnen Grundpfeiler herausarbeiten, die für den Prozess des Lernens von Bedeutung sind. Oft werden diese im erweiterten didaktischen Achteck bzw. didaktischen Zirkel (vgl. didaktischen Achteck) abgebildet, wo sich sehr vielfältige Beziehungen finden, die aber gleichzeitig sehr kompliziert wirken können. Deshalb hat das didaktische Dreieck25 nach wie vor seine Berechtigung und unterstützt dabei, sich die entsprechenden Beziehungen und deren Wirksamkeit bzw. deren Wechselwirkungen zu vergegenwärtigen.

Umsetzung in die Praxis

Und damit kommen wir endlich zu der Frage, wie sich diese Erkenntnisse in der Praxis um- und einsetzen lassen. Die folgenden Aspekte sind als lernwirksam ausgemacht worden, sodass es sich lohnt, diese immer wieder in den Blick zu nehmen und das eigene Handeln darauf auszurichten.

Natürlich bedingen sich diese Prozesse im Sinne des didaktischen Dreiecks gegenseitig, trotzdem werden diese nachfolgend zur besseren Verständlichkeit aus der Perspektive von Lehrenden und Lernenden sowie hinsichtlich des Lehrstoffs betrachtet.

Lernwirksame Aspekte aus Perspektive der Lehrenden

Lernwirksame Aspekte aus Perspektive der Lernenden

Lernwirksame Aspekte hinsichtlich des Lehrstoffs

Merke: Natürlich würden Ansprüche an eine allumfassende und perfekte Umsetzung in der Realität am „Alltagsgeschäft“ scheitern, was aber nicht daran hindern sollte, sich persönlich und im Team immer wieder hinsichtlich der grundsätzlichen Überlegungen zu hinterfragen, sich zu qualifizieren und weiterzuentwickeln. Auch du selbst profitierst von diesen Soft Skills und Vermittlungskompetenzen!

Lernen mit digitalen Medien

Mitglieder der Jugendfeuerwehr produzieren Medieninhalte und erstellen eine Videoaufnahme. Ein Mädchen führt eine auf einem Stativ befestigte Videokamera und filmt zwei Jugendliche in einem Gespräch.

Zum Abschluss dieses Kapitels und gleichsam als Ausblick soll noch ein Blick auf das digitale Lernen geworfen werden. Diesem vorangestellt sei die Präzisierung, dass es sich genau gesagt um Lernen mit digitalen Hilfsmitteln handelt.

Mittlerweile im Alltag zweifellos allgegenwärtig steigt auch der Einsatz dieser Hilfsmittel in der Feuerwehr kontinuierlich an. Aber wie lässt sich der Einsatz dieser Hilfsmittel bewerten?

Zweifellos positiv ist hier die Anknüpfungsfähigkeit, also die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche mehr und mehr an digitale Technik gewöhnt sind. Für das Lesen auf zum Beispiel Tablets haben aktuelle Untersuchungen ergeben, dass damit ein schnellerer Überblick hinsichtlich des Gelesenen erzeugt werden kann. Wird für das Lehren aus digitalen Quellen geschöpft, lassen sich in vergleichsweise kurzer Zeit sehr viele Materialien für Visualisierungen, Anwendungsbeispiele et cetera finden – die Möglichkeit der virtuellen (Virtual Reality) bzw. erweiterten (Augmented Reality) Realitätsabbildungen befinden sich bezüglich des Lernens noch in den Kinderschuhen und werden zukünftig noch weitere Potenziale entfalten.

Demgegenüber steht zuallererst als Kritikpunkt, dass digitale Medien nicht die Wirklichkeit abbilden, also im Sinne des Wortes nicht begriffen werden können. Weiterhin kann eine positive Entwicklung digitaler Medien auf das Gehirn erst ab dem Jugendalter erfolgen. Ein Beispiel hierfür ist die Impulskontrolle („Du bekommst eine Süßigkeit jetzt oder zwei später“), die sich erst im Übergang vom Kind zum Jugendlichen herausbildet. Das schnelle Belohnen, das sich bei zahlreichen digitalen Spielen, aber auch Lernprogrammen findet, steht diesem Reifeprozess entgegen. Neurologen konnten nachweisen, dass es zwar sinnvoll sein kann, wenn zum Beispiel ein Strahlrohr digital in verschiedene (Innen-)Ansichten zerlegt werden kann, dies aber ein Lernen und Begreifen mit allen Sinnen nicht ersetzt. Dem oben angedeuteten schnellen Überblick beim Lesen steht ein messbares tieferes Verständnis des Inhalts gegenüber, wenn man ein Buch aus Papier benutzt.26 Dies führt zusammengefasst dazu, dass die Tiefe des Lernerfolgs eine geringere Nachhaltigkeit aufweist (vgl. Lernen als neurobiologischer Vorgang).

Dies sind nur wenige Beispiele dafür, dass das Lernen mit digitalen Medien positiv wie auch negativ bewertet werden kann. Zusammenfassend lässt sich aktuell festhalten, dass das Lernen mit digitalen Medien sinnvoll ist, wenn …

Oder noch prägnanter zusammengefasst: „Lernen mit digitalen Medien ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Methode, die mehr oder weniger gut angewendet werden kann.“27

Lebenslanges Lernen – ein Grundstein für Bildungsarbeit

Lebenslanges Lernen wird bereits im Kindesalter anregt, angelegt und ermöglicht. Es klingt paradox, ist es aber nicht: Je mehr Inhalte in jungem Alter im Gehirn abgespeichert werden, desto mehr Inhalte können im ganzen kommenden Leben hier stattfinden. Wenn wir also die hier aufgezeigten Vorgänge und Prinzipien des Lernens so gut wie uns möglich beherzigen, dann können wir einen entscheidenden Baustein für lebenslanges Lernen liefern.

Die Idealvorstellung der hier dargelegten Herangehensweise an das Phänomen des Lernens lässt sich vereinfacht mit einer Analogie einer Feuerwehrdrohne veranschaulichen: Zum Start werden konkrete Erfahrungen aus dem Bereich der Kindergruppen und der Jugend-(Feuerwehr-)Arbeit zugrunde gelegt. Danach geht es in die Höhen der theoretischen Grundüberlegungen der jeweiligen Themen. Nicht minder wichtig ist dann die Landung auf dem Grund (= Basis), bei der jede theoretische Konzeption daraufhin überprüft werden muss, ob sie den Ansprüchen der Kindergruppen in der Feuerwehr und den Jugendfeuerwehren genügt. Langfristig bedeutet dies natürlich, dass immer dann ein neuer Start/Flug erfolgen muss, wenn diese Prüfung mögliche Verbesserungen aufweist.


Autor

Matthias Düsterwald, Deutsche Jugendfeuerwehr


Fußnoten

  1. Henning Beck: Das neue Lernen: heißt Verstehen | Lernst du noch oder verstehst du schon? Eine Anleitung für ein modernes Denken in digitalen Zeiten. 2020 ↩︎
  2. Beck 2020 ↩︎
  3. Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit: Wie Lernen gelingt. 2011. Dazu ein Interview-Tipp bei der Deutsche Kinder- und Jugendstiftung mit Gerhard Roth! ↩︎
  4. Vester „Lernen hilft uns, besser mit der Wirklichkeit zurechtzukommen.“ = Frederic Vester: Denken, Lernen, Vergessen: Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann lässt es uns im Stich? 1998. Es gibt eine Zusammenfassung des Textes von GRIN. ↩︎
  5. Keat. Ein Lernen, um ein besserer Mensch zu sein, könnte sich an den Werte der DJF orientieren, diese als Ziel versuchen zu erreichen. ↩︎
  6. Max-Planck-Gesellschaft: Synaptische Plastizität – wie das Gehirn lernt. Dazu der Video-Tipp Max-Planck-Cinema. ↩︎
  7. Carmen Deffner: Spuren legen sowie Carmen Deffner/Ina Schenker: Das Lernen anregen. 2020. ↩︎
  8. Spitzer 2002 ↩︎
  9. Spitzer 2002 ↩︎
  10. Roth 2011 ↩︎
  11. Hüther
    „Druck und Zwang sind ebenso Gegenspieler des Lernens“ so Hüther.
    Werke von Gerald Hüther:
    – Mit Freude lernen – ein Leben lang. Weshalb wir ein neues Verständnis vom Lernen brauchen. Sieben Thesen zu einem erweiterten Lernbegriff und eine Auswahl von Beiträgen zur Untermauerung. 2016
    – Etwas mehr Hirn, bitte. 2015
    Weitere Werke finden sich auf seiner Webseite.
    Weitere Linktipps zum Thema: 
    Deutschlandfunk: Neurowissenschaft Wie wir den Spaß am Lernen nicht verlieren. Ein Interview mit Hüther.
    Rezensionen von socialnet zu Hüther. ↩︎
  12. Spitzer 2002 ↩︎
  13. Hüther s.o. ↩︎
  14. Moll Dawirs. Siehe auch DJF-Dokumentation des Fachtags „Wertschätzung in der Jugendfeuerwehrarbeit – Motivation und Anerkennung“, 2019. ↩︎
  15. John Hattie: Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. 2017 ↩︎
  16. Lamers ↩︎
  17. Vester 1998 s.o. ↩︎
  18. Vester 1998 s.o. ↩︎
  19. Hattie 2017 ↩︎
  20. Weitere Faktoren werden im Bereich „Umsetzung in die Praxis“ abgebildet. ↩︎
  21. Margret Arnold: Kinder denken mit dem Herzen. Wie die Hirnforschung Lernen und Schule verändert. 2011. Siehe dazu Neurodidaktik in Wiki. ↩︎
  22. Roth 2011 ↩︎
  23. Hüther s.o. ↩︎
  24. Ulrich Steffens/Dieter Höfer: Lernen nach Hattie. Wie gelingt guter Unterricht? 2016. Hier findet sich eine Rezensionen zu Lernen nach Hattie auf socialnet. ↩︎
  25. nach Herbart: Didaktische Dreieck, siehe https://service.zfl.uni-kl.de/wp/glossar/didaktisches-dreieck und https://de.wikipedia.org/wiki/Didaktisches_Dreieck ↩︎
  26. Spitzer, 2002 ↩︎
  27. Korte ↩︎