Handlungsorientiertes Lernen

Der Anspruch der Gesellschaft an Kinder und Jugendliche hat sich im Laufe der Zeit mehr und mehr verändert und erhöht sich somit auch für die Betreuenden. Sie sollen nicht nur theoretisch, sondern auch im besten Fall praktische Erfahrungen sammeln, um themenübergreifende Kenntnisse in möglichst vielen Bereichen zu haben und vor allem ein hohes Maß an Schlüsselqualifikationen zu erlangen. Selbstständigkeit, Flexibilität, Teamfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft und Problemlösefähigkeiten sind nur einige der gewünschten Qualifikationen bzw. Kompetenzen. Dies verändert die Rolle der Jugendleitung und macht sie etwas anspruchsvoller, aber vor allem geht sie von einer gleichberechtigten Lernpatenschaft aus.
Was zunächst nach hochgesteckten Zielen klingt, kann (gut angeleitet) Kindern und Jugendlichen allerdings neue Wege beim Bewältigen komplexer Situationen aufzeigen. Um aber in den entsprechenden Situationen handlungsfähig bleiben und auch ihr eigenes Können kennenlernen und weiterentwickeln zu können, benötigen sie Möglichkeiten, in denen sie vor praktische Aufgaben gestellt werden, die ebenso praktisch gelöst werden müssen. Handlungsorientiertes Lernen bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten für die Teilnehmenden. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen, selbstständig zu arbeiten, eigene Ideen und Erfahrungen einzubringen, Zusammenhänge zu anderen Lernbereichen herzustellen, Selbstwirksamkeit und vor allem einen Sinn in ihrem Handeln zu erkennen.
Um was geht's?
Prinzipien der Gestaltung
Zu den zentralen Prinzipien handlungsorientierten Lernens gehören Selbstorganisation und Selbstbestimmung genauso wie der Erwerb von Kompetenzen. Lernen soll also nicht länger der Erwerb von präsentiertem Wissen sein, sondern eine aktive (eigene) Wissensaneignung durch die Lernenden selbst, die zusätzlich auch das eigene Tun und Handeln mit den eigenen Sinnen und Emotionen einschließt.1
Die Partizipation aller Menschen oder Gruppen von Menschen an der gesellschaftlichen Entwicklung gehört zu den wichtigsten Grundsätzen nachhaltiger Bildung.2 So greift also partizipatives Lernen die zentrale Forderung nach Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen am Prozess nachhaltiger Entwicklung auf. Handlungsorientiertes Lernen basiert demnach auf der Erkenntnis, dass Lernprozesse selbst als Partizipationsprozesse zu gestalten sind. Schließlich können Kompetenzen nicht gelehrt, sondern müssen von jedem selbst entwickelt werden. Hierzu gehört beispielsweise auch die Teamfähigkeit, die als eine der wichtigsten sozialen Kompetenzen erachtet wird.
Handlungsorientiertes Lernen erfordert daher solche Lernumgebungen, die selbstorganisiertes und projektorientiertes Lernen ermöglichen.
Handlungsorientierung beinhaltet den Anspruch, die eigene Aktivität der Lernenden ausdrücklich und kontinuierlich herauszufordern. Lernen ist hierbei als Prozess zu verstehen, der die Lernenden sowohl bei der Auswahl als auch bei der Zielsetzung und Gestaltung der Lernprozesse aktiv beteiligt. Dadurch sollen die Lernenden Wert und Bedeutung der Bildungsinhalte für ihr gegenwärtiges und zukünftiges Leben und Handeln erfahren.3 Durch die handelnde Auseinandersetzung mit den Lerninhalten und der anschließenden Reflexion der gemachten Erfahrungen gelangen die Lernenden zu vertiefenden Erkenntnissen.4
Lernende setzen sich mit dem Thema und den Zielen der Bildungsinhalte und -maßnahmen auseinander. Dadurch werden ebenfalls die Entstehung kognitiver Strukturen, die Freude an Bildung und nachhaltigere Lernergebnisse gefördert.
Das Lernen in Gruppen, so auch in der Jugendfeuerwehr, ermöglicht den Erwerb wichtiger sozialer Kompetenzen. In Gruppen zu interagieren hat zur Folge, dass unterschiedliche Standpunkte, Interessen und Problembewusstsein angetroffen werden.5 Bei erfolgreicher Bewertung der entstehenden Erkenntnisse und Handlungen individuell und im sozialen Miteinander kommt es zu einer Verankerung der handlungsleitenden Werte.
Ein Vorteil des Lernens in Gruppen oder in einer Gemeinschaft ist der Wechsel zwischen kollektiven Lernphasen (Phasen der Wissensvermittlung, in denen Wissen und Perspektiven mit anderen reflektiert werden) und Phasen der eigenen Auseinandersetzung (Phasen, in denen sich die Lernenden individuell in ihrem Lerntempo mit den Lerninhalten auseinandersetzen).
Das didaktische Prinzip der Zugänglichkeit beinhaltet die Frage, wie eine Nähe zum Lerngegenstand geschaffen werden kann, damit die Lernenden diesen aktiv begreifen und verstehen können. Grundsätzlich ist es wichtig, dass das Gelernte für die Lernenden von Bedeutung für ihr gegenwärtiges und zukünftiges Leben sein muss. Damit dieser Zugang überhaupt gelingen kann, muss in der Bildungsmaßnahme am Erfahrungshorizont, am Vorwissen und auch an den altersbezogenen Fähigkeiten angeknüpft werden.6 Somit fordert das handlungsorientierte Lernen eine Orientierung an der Lebenswelt der Lernenden.
Kompetenzen werden als ein Zusammenspiel zwischen kognitivem, emotionalem und motivationsgeleitetem Selbstverständnis verstanden. Der Kompetenzerwerb kann also als Wertelernen verstanden werden und setzt damit den Prozess des individuellen Lernens in Kraft. Für die erfolgreiche Vermittlung von Kompetenzen werden damit verstärkt Methoden notwendig, die eine emotionale Ebene mit einbeziehen, bewährte Handlungsmuster durchbrechen und zu einer neuen Bewertung von Handlungsmöglichkeiten führen.7 Die Definition von Kompetenzen bedeutet, nicht nur auf den Erwerb von Wissen abzuzielen, sondern beim Erwerb Emotionen, Handlungsmotive und -absichten sowie den Willen der Lernenden zu berücksichtigen.8
Das Konzept des handlungsorientierten Lernens stellt die bisher getrennt diskutierten Blickpunkte unter eine neue, ganzheitliche Perspektive. Es geht hierbei nicht mehr nur um die Vermittlung von isoliertem Fachwissen, sondern um die Förderung vernetzten Denkens. Hierbei sind die Ausgangspunkte Handlungen, Nebenfolgen oder Vorstellungen von Menschen jeden Alters. Dieses Prinzip entstand aus der Erfahrung, dass wissenschaftliches Wissen nicht ausreicht, um alltags- und zugleich zukunftstaugliche Klärungen und Lösungen herbeizuführen.9
Zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Vorgänge ist die Fähigkeit zum systematischen Denken notwendig. Das handlungsorientierte Lernen soll sich hierbei auf Zusammenhänge spezialisieren und folgende Punkte berücksichtigen:10
Problemorientierung und Handlungsorientierung:
Lernende sollen kooperatives und eigenverantwortliches Handeln lernen, um Zusammenhänge besser erfassen zu können.
Verantwortlichkeiten – Zusammenhang von Entwicklungen:
Es soll auf die Zusammenhänge wissenschaftlich-technischen Fortschritts auf der einen Seite und andererseits auf Verantwortlichkeit für Lebensgrundlage und Lebensbedingungen aufmerksam gemacht werden.
Lebensweltorientierung und Mitbestimmung:
Die Inhalte werden der Lebenswelt der Lernenden entnommen. Lernende sind an der Auswahl aktiv beteiligt.
Perspektivität:
Die Wirklichkeit kann niemals nur eindeutig und objektiv sein. Deshalb ist das Hineinversetzen in andere Sichtweisen für die Erfahrung einer anderen Sichtweise wichtig.
Was gilt es zu beachten?

Wenn wir handlungsorientiert bilden, ausbilden oder unterrichten möchten, schaffen wir in Gruppenstunden, JF-Diensten oder Lehrgängen anstelle der traditionellen „Frontalsituation“ eine aktivierende Handlungssituation für die Lernenden, in denen diese tatsächlich etwas tun müssen. Die Auswahl dieser Handlungssituationen erfolgt genau so, dass sie möglichst gut und intensiv, also auch deutlich erlebbar ist. Der handlungsorientiert Lehrende ist eine Person, die für ihre Lernenden oder Teilnehmenden ständig Handlungssituationen schafft oder arrangiert, und zwar unter ganz bewussten pädagogischen Gesichtspunkten und Zielen. Die Lehrperson möchte den Lernenden damit Situationen bereiten, in denen sie mit genau dem konfrontiert sind, wovon die Lehrperson möchte, dass sie es lernen, wohl wissend, dass die Lehrperson selbst sie nicht lehren kann. Die Lehrperson vermittelt ihnen Erfahrungen in der Hoffnung, dass sie aus diesen Erfahrungen schließlich für sich die richtigen Schlüsse ziehen und ihr persönliches Verhalten entsprechend entwickeln bzw. verändern. Und zugleich vermittelt die Lehrperson ihnen dadurch eine heute ganz wesentliche Lernerfahrung, nämlich die, wie man erfahrungsgeleitet lernen und handeln kann.
Handlungsorientiertes Lernen ist der Versuch, im Rahmen von Gruppenstunden, JF-Diensten, Lehrgängen, Seminaren oder Zeltlagern – also auch an gesonderten Lernorten außerhalb der Praxis – Handlung als Lernmedium zu integrieren. Dazu werden konkrete Handlungssituationen geschaffen, in denen handelnd gelernt und lernend gehandelt wird, in denen die Lernenden vor praktische Aufgaben gestellt werden, die sie praktisch handelnd lösen müssen. An die Stelle des Frontalunterrichts tritt die offene Handlungsaufgabe für einzelne oder Gruppen, die vom Lehrenden lediglich begleitet, nicht aber angeleitet oder gar demonstrativ gelöst wird.
Handlungsorientiertes Lernen ist ein Konzept und noch keine Lehr- oder Vermittlungsmethode. Im Mittelpunkt des handlungsorientierten Lernens steht die Vermittlung von theoretischen Voraussetzungen für die Fähigkeit zum Handeln. Zugleich sollen aus den konkreten Handlungen rückschließende Fragen auf die Theorie führen. Wahrnehmen und Denken werden aber erst zur vollständigen Handlung, wenn beides im Tun umgesetzt wird.
Merkmale handlungsorientierten Lernens in der Jugendverbandsarbeit sind beispielsweise
- Lernen geschieht mit Kopf, Herz und Hand (kognitiv, sozial, emotional)
- Einbezug außerschulischer Lernorte
- „Learning by doing“
- Das Interesse der Kinder und Jugendlichen steht im Mittelpunkt (Lebensweltorientierung)
- Kinder und Jugendliche werden in die gesamte Planung und Durchführung einbezogen
- Kinder und Jugendliche arbeiten gemeinsam an einem Projekt, interagieren aktiv miteinander, sprechen sich ab und unterstützen sich
- Reflexion als verbindlicher Teil des handlungsorientierten Lernens

Bei der inhaltlichen Planung und Gestaltung von Gruppenstunden hilft es, sich an die eigene Zeit als Lernende oder Lernender zu erinnern. Kinder und Jugendliche lernen anders als Erwachsene. Sie haben zuweilen andere Ansprüche ans Lernen, wollen kreativ sein dürfen und beteiligt werden. Damit ihr bei euren Teilnehmenden Interesse für das weckt, was ihr ihnen beibringen wollt, solltet ihr bestenfalls immer eine Ampel vor Augen haben:
ROT – „Sag mir etwas und ich werde es bestimmt vergessen“
Wenn ihr den Teilnehmenden ausschließlich erzählt, um was es geht, werden sie kaum einen intensiven Zugang zum Thema erhalten. Die Aufmerksamkeit sinkt schnell und ihr könnt euer gestecktes Ziel für die Gruppenstunde kaum erreichen.
GELB – „Zeig mir etwas und ich werde es mir vielleicht merken“
Ergänzt ihr die Gruppenstunden durch Bildmaterial oder zeigt den Teilnehmenden direkt vor Ort, um was es geht, erhöht ihr bereits das Interesse. Kinder und Jugendliche können sich nun bereits bildlich einen Eindruck von dem machen, um was es in der Gruppenstunde geht.
GRÜN – „Lass es mich tun und ich werde es mir ganz bestimmt merken“
Um Kindern und Jugendlichen nachhaltige Lernerlebnisse vermitteln und sie sinnvoll an der Gruppenstunde beteiligen zu können, ist es wichtig, sie bestenfalls mit allen Sinnen lernen zu lassen. Baut Elemente zum Hören, Sehen und Selbsterleben in eure Planung ein. Macht Lernen greifbar und fördert die Lernenden beim Entdecken der neuen Themen.
Bei der Ausgestaltung gemeinsamer Gruppenstunden ist es ratsam, sich an folgenden Punkten zu orientieren
- Traue Kindern und Jugendlichen etwas zu. Fördere Ideen, Wege und Ziele der Kinder und Jugendlichen
- Orientiere dich bei der Planung einer Gruppenstunde an der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen bzw. beziehe sie von Anfang an ein
- Gib Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, über Lernumwege zum Ergebnis zu kommen. Es gibt nicht nur eine richtige Lösung
- Sei Berater/-in, Unterstützer/-in und Begleiter/-in
- Gestalte die Gruppenstunde realitätsnah und binde die Kinder und Jugendlichen intensiv mit ein

Linktipp
Die ehrenamtlich getragende Internetseite sowi-online widmet sich sozialwissenschaftlichen Fachdidaktiken und gibt somit auch zu Handlungsorientierte Methoden Auskunft.

Autorin
Anica Gollub-Tigges, Thüringer Jugendfeuerwehr
- Michelsen, G.; Fischer, D. (2017): Bildung für nachhaltige Entwicklung. In: Schriftenreihe Nachhaltigkeit. Eine Veröffentlichung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 27. ↩︎
- Künzli, D.; Bertschy, F.; de Haan, G.; Plesse, M. (2008): Zukunft gestalten lernen durch Bildung für nachhaltige Entwicklung: Didaktischer Leitfaden zur Veränderung des Unterrichts in der Primarschule, S. 20. ↩︎
- Hintz, D.; Pöppel, K.-G.; Rekus, J. (1993): Neues schulpädagogisches Wörterbuch. ↩︎
- David Künzli, Ch.; Bertschy, F.; de Haan, G.; Plesse, M. (2008): Zukunft gestalten lernen durch Bildung für nachhaltige Entwicklung: Didaktischer Leitfaden zur Veränderung des Unterrichts in der Primarschule, S. 20. ↩︎
- Bormann, I. (2010): Gestaltungskompetenz – Anmerkungen zur Herausforderung, sie zu vermitteln. In: lernende Schule. S. 50. ↩︎
- Künzli, D.; Bertschy, F.; de Haan, G.; Plesse, M. (2008): Zukunft gestalten lernen durch Bildung für nachhaltige Entwicklung: Didaktischer Leitfaden zur Veränderung des Unterrichts in der Primarschule, S. 25. ↩︎
- Barth, M. (2007): Gestaltungskompetenz durch neue Medien? Die Rolle des Lernens mit neuen Medien in der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. S. 27 ff. ↩︎
- Roth, G. (2001): Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. ↩︎
- Stoltenberg, U. (2009): Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Elementarbereich. ↩︎
- Popp, W. (1997): Die Spezialisierung auf Zusammenhänge als regulatives Prinzip der Didaktik. In: Duncker, L.; Popp; W. (Hrsg.): Über Fachgrenzen hinaus. Chancen und Schwierigkeiten des Fächerübergreifenden Lehrens und Lernens, S. 135–154. ↩︎